Ungerechtfertigt, aber JA. Ein Plädoyer.

Debatten unter Kunstschaffenden drehen sich nicht selten vor allem um eines: Geld – Geld, das fehlt für die eigene Arbeit, Geld, das fehlt für die Entwicklung und Erhaltung eines Kultursektors, der sich an ästhetischen, nicht an ökonomischen Ansprüchen ausrichtet. Zugleich sind dieselben Kunstschaffenden genötigt, im aktuellen Förderdispositiv in eigener Sache und meist auch in Konkurrenz zu Gleichgesinnten erfolgreich zu operieren: Sie müssen Anträge schreiben – und dabei vor allem deutlich machen, welches Ziel mit ihren Projekten erreicht und welcher Nutzen durch diese generiert werden kann. Denn Geld gibt es nicht ohne Rechtfertigung – Vertrauen ins Können und Wollen ist kein zureichender Grund mehr.

Die Administration kreativer Horizonte mittels der geforderten Denksorte „Rechtfertigung durch Ziel und Nutzen“ lässt sich nicht ohne weiteres mit List und dem beliebten Argument „wenn ich das Geld erst habe mache ich sowieso was ich will“ sanieren. Denn die Einlassung auf das allgegenwärtige Rechtfertigungsdispositiv als Vorbedingung des Aufbruchs in die geförderte künstlerische Arbeit prägt die Möglichkeitsräume des Weges durch dieses Arbeiten.

Und: Die Arbeitseinheit „Projekt“ mit ihrem mit Management-Denkstil vollgestellten semantischen Hinterhof bewirkt Verschiebungen in der Vorstellungskraft, die sich nicht einfach später aus der künstlerischen Herstellungskraft ausbuchen lassen. Ganz abgesehen davon, dass Projekte in der Regel neue Projekte nach sich ziehen und die Werbung um Folgefinanzierungen zumeist einen zumindest impliziten und grosso modo-Nachweis hinsichtlich der Einhaltung der  Zielerreichungsversprechen verlangen. Also doch immer auch ein bissl brav bleiben.

Es wäre daher dringend an der Zeit, aus dem fatalen Verklemmungszusammenhang von Finanznot- und Rechtfertigungsargumentationen herauszukommen. Klar – wer Kunst machen will muss leben und arbeiten können, und um das zu ermöglichen stehen heute vor allem solche Fördergefässe zur Verfügung, die in der skizzierten Dynamik gründen und diese antreiben. Ebenso klar ist, dass man da nicht einfach aussteigen kann ohne Alternative. Aber zugleich könnten quer zu überkommenen Sparten– und Institutionsautismen neue Formate für eine Re-Politisierung der Debatte über die Rolle von Kunst in der Gesellschaft angestiftet werden, damit die Kräfte und Ideen nicht automatisch in das Hamsterrad der Akquise und das Eigenmarkendesign fliessen – und der Austausch zwischen Künstler_innen nicht immer weiter durch strategischen Mitbewerbervorbehalt imprägniert wird.

Die Forderung nach künstlerischen Entfaltungsmöglichkeiten sollte daher nicht mehr vorrangig eine nach kompetitiver projektbezogener Finanzierung sein. Vielmehr ist das gemeinsame Anzetteln eines öffentlichen Streits um Relevanzen der Kunst gefragt – eines Streits, dem sich Kunstschaffende dann allerdings auch ernsthaft stellen bzw. ihn fortlaufend ausfechten müssten, weil Kontroversen über ästhetische Relevanzen nicht am Tisch der Jurys oder im Kurator_innengenius hinter verschlossenen Türen ausgetragen werden dürfen. Der Raum von Kunst würde als öffentliche Kontroverse konstituiert, die sich darum entfacht, wer was warum machen können soll. Es wäre ein Streit um Kunstverständnisse und Kunstfunktionszuschreibungen, ein Streit, bei dem ICH gesagt werden kann und das Hinstehen für Positionen und Überzeugungen nicht durch den Schleier von Antragslyriken hindurch weichgezeichnet wird: dafür stehe ich, das ist mir wichtig; hier ist, was ich tue, lasst Euch ein und es wird sich zeigen, warum ich es tue.

Sicher – dafür bräuchte es andere Konzepte von Publikum, von Kunstproduktion und –verhandlung, von Politik, Erwartungstransgressionsbereitschaft. Aber anfangen könnte man ja mal damit, Kunstinstitutionen aller couleur mit Lust und Anliegen von Markthallen der Aufmerksamkeitsökonomie zu Arenen der Kontroverse umzuwidmen und immer neu zu erproben, warum und welche Kunst in einer Gegenwart auf welche Weise wichtig wäre.

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