Der Kunst ihre Forschung – der Forschung ihre Freiheit

In den vergangenen Jahren war das Thema “Künstlerische Forschung” bis in die Feuilletons und Wissenschaftsteile der Tagespresse hinein präsent. Nun, nach überbordenden Konzeptdebatten der öffentlichkeitswirksamen Einrichtung des Förderprogramms zur “Entwicklung und Erschließung der Künste” des FWF und oft hektischen Aktivitäten zur Schaffung und Implementierung von Forschungsdispositiven an Kunsthochschulen, beginnt die Künstlerische Forschung offenbar zur Normalität zu werden. Normalität ist Folge von Normalisierung. Und Normalisierung im Bereich der Forschung beinhaltet immer auch die Festschreibung von Strukturen und mithin eine zumindest implizite Bestimmung dessen, was als sinnvoll und nicht sinnvoll, als legitim und nicht legitim, als qualitätsvoll oder eben nicht gilt. Eine Konsequenz daraus ist, dass die jeweils anerkannte “good practice” den Fluss von Geld und Reputationskapital und damit auch bestimmte Paradigmen, Denk- bzw. Praxisstile und Orte prägt – oder anders gesagt: die Machtverhältnisse im Forschungsfeld.

Gerade für die Künstlerische Forschung birgt diese Normalisierung große Risiken. Denn ein von künstlerischen Sensibilitäten und Expertisen her tätiger “explorative spirit” bedarf spezifischer Freiräume und Entwicklungsmöglichkeiten: eine nicht disziplinär vorbestimmte Diversität möglicher Ansätze, die Zulässigkeit der Zurückweisung vorschneller Standardisierung und Kanonbildung, die Anerkennung von Peers, die diese Rolle nicht durch akademische Zertifizierung zugewiesen bekommen, sondern aufgrund einer spezifischen Kompetenz mit Blick auf die Problemstellung. Damit ist nicht gesagt, dass nicht auch in den Wissenschaften Freiräume und eine Portion Undiszipliniertheit notwendig wären – und schon gar nicht, dass diese in ausreichendem Maße vorhanden bzw. möglich sind. Wenn aber Künstlerische Forschung einen Erkenntnis-Mehrwert generieren soll gegenüber dem, was in den Wissenschaften erkannt werden kann, dann muss es die Möglichkeit geben, anders als in den Wissenschaften vorgegeben, zu operieren.

Dafür geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen und den Prozess der Normalisierung nicht zu einem der Rückabwicklung jener Emanzipation der sinnlichen Erkenntnispraxis werden zu lassen, als die sich die Entstehung des Diskurses zur Künstlerischen Forschung sinnvollerweise verstehen lässt, steht daher heute auf der Tagesordnung. Ein zentraler Ansatzpunkt dabei ist die Differenzierung von unterschiedlichen Typen des Künstlerischen Forschens und den damit verbundenen Eigenarten. Zu unterscheiden ist nämlich zwischen Projekten, die einen Dialog zwischen Künsten und Wissenschaften suchen, solchen, die auf die Entwicklung neuer künstlerischer Verfahren und ästhetischer Strategien zielen sowie schließlich jenen, die künstlerische Praxis als Medium der Reflexion fruchtbar machen und Fragestellungen nicht allein im Modus einer begrifflich-theoretischen Arbeitsweise, sondern auch durch ästhetische Praktiken erschließen.Jeder Projekttypus hat spezifische Eigenheiten, die auch institutionell zu berücksichtigen sind. Nicht für alle Typen sind Förderformate wie das Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste des FWF geeignet und es wäre gerade in Österreich an der Zeit, darüber nachzudenken, welche Folgen es für die Künstlerische Forschung hierzulande hat, dass das Feld “Künstlerische Forschung” mit einem bestimmten – und eben auch bestimmte ästhetische, methodologische und institutionelle “Normalitäten” priorisierenden – Förderformat eines “Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen (!) Forschung” nachgerade synonym verwendet wird.

Gerade deshalb ist die Herausforderung heute, einerseits den Forschungsbegriff nicht im Sinne einer (Quasi-)Akademisierung disziplinär engzuführen, andererseits aber dennoch eine gewisse Strenge bei dessen Verwendung walten zu lassen. Mit einer Inflationierung à la “alle künstlerische Praxis ist Forschung” oder der nicht unbeliebten Gleichsetzung von Lernen (im Sinne eines Neuentdeckens von etwas, das anderen zumindest grosso modo schon bekannt ist) und Forschen (im Sinne eines Erkundens von Neuland, das auch für andere neu ist) ist der Sache nicht gedient.

Es sollte der Titel “Künstlerische Forschung” daher durchaus seine konzeptuelle Referenz zum Allgemeinbegriff “Forschung” betonen: denn dieser steht für eine prozessreflexive, innerhalb einer Forschendengemeinschaft praktizierte Erkenntnissuche mit dem Ziel, neues (originäres) Wissen zu generieren. Diese allgemeine Charakterisierung besagt keineswegs, dass die Kriterien zur Durchführung und Bewertung jeglicher Forschung denjenigen anzupassen wären, die die Wissenschaften (mit guten Gründen) für sich fordern bei ihren ja disziplinenabhängig durchaus unterschiedlichen Auslegungen des Begriffs “Forschung”.

Für die Künstlerisches Forschung ist daher zu fordern, dass die Auslegung des allgemeinen Forschungsbegriffs mit Blick auf bestimmte Vorgehensweisen selbstbestimmt und selbstbewusst – vor allem aber mit ernsthafter Bemühung – zu leisten ist. Was eine relevante Fragestellung, eine angemessene Kontextualisierung, eine geeignete Methode (und damit verbunden eine methodologische Strategie) ist, wer durch welche Qualifikation ein “Peer” ist, welche Formate der Publikation bzw. welche Anteile begrifflicher und nicht-begrifflicher Artikulationsformen angemessen sind: all dies muss im Zusammenhang Künstlerischer Forschung jeweils projektspezifisch geklärt und dieser Klärung Aufmerksamkeit gewidmet werden. Denn es ist nicht durch Opportunitäten vorgeblicher allgemeiner Standards bereits vordefiniert.

Letztlich muss sich die Behauptung, dass Künstlerische Forschung ein sinnvolles Unterfangen ist, auf die These stützen, dass durch künstlerisches Forschen etwas erkannt werden kann, das anderem – insbesondere wissenschaftlichem – Forschen entgeht. Etwas, das so relevant ist für unsere Welterschließung und -deutung, dass wir es aus einsichtigen Gründen in unsere Wissensordnung integrieren bzw. diese entsprechend anpassen sollten. Zuviel Normalität wird dieses Etwas genauso wenig nicht erkennbar werden lassen wie zu wenig Bemühen um eine problemspezifische Auseinandersetzung mit der Frage, warum eine bestimmte ästhetische Praxis sinnvollerweise als Forschungspraxis zu bezeichnen und von Relevanz für unser In-der-Welt-sein ist.

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