Künstlerische Forschung. Ein Postulat

Über Künstlerische Forschung zu reden gehört heute zum Normalprogramm an den Kunsthochschulen und im Rahmen diverser kunstbezogener Debatten. Wenn es allerdings darum geht, die Praxis des künstlerischen Forschens in Form konkreter Projekte spürbar kennenzulernen wird die Luft schnell dünner. Dieses Verhältnis gilt es umzudrehen und Künstlerische Forschung als Prozess und Artikulation einer erkenntnisstiftenden ästhetischen Praxis wirkungsvoll und erfahrbar werden zu lassen.

Künstlerische Forschung gibt es im Prinzip seit es künstlerische Praxis gibt: Kunst ist immer (auch) forschende Welterschließung und verbindet ästhetische Sensibilität, kreative Praxis und reflexive Auseinandersetzung mit beidem – und seit jeher operiert Kunst als erkenntnisstiftende  Kraft im gesellschaftlichen Kontext, die ästhetische Visionen als Optionsräume für Weltdeutung und –gestaltung schafft.

Die Konjunktur der Debatte zur Künstlerischen Forschung erklärt sich vor diesem Hintergrund insbesondere durch eine zunehmende Re-Emanzipation der Künste  von vorrangig pädagogischen, unterhaltenden oder aber ökonomischen Zweckzuschreibungen und der immer noch nicht abgeschlossenen Ablösung eines romantisierten Kunstverständnisses. Diese Re-Emanzipation gilt es zu fördern und damit die Wirkkraft der Künste auszuweiten ohne Letztere dabei zugleich zu instrumentalisieren.

Künstlerische Forschung produziert Kunst mit einem spezifischen Erkenntnisinteresse – einem Erkenntnisinteresse nämlich, das keine Scheu davor hat, sich auch dem Unbegrifflichen auszusetzen, substantiell sinnliche Erfahrungen zuzulassen und diese mit geeigneten Methoden zu erschließen und zu artikulieren. Erfahrungen, im Rahmen derer sich etwas von der Welt zeigen bzw. erkenn- oder darstellbar sein kann, das bislang ungesehen, ungehört oder undenkbar blieb.

Künstlerische Forschung schafft Wissen. Doch sie lässt sich nicht auf die Formel „Wissenschaft plus Kunst“ oder vice versa reduzieren. Künstlerische Forschung kann zwar im Dialog mit den Wissenschaften erfolgen, sie kann aber auch auf dem Wege  künstlerischer Selbstreflexion oder explorativer künstlerischer Welterschließung betrieben werden. Jede Engführung des Begriffs auf eine der genannten Dimensionen – z.B. mit dem Ziel, handliche Kriterien für Standardisierungen zu schaffen oder Künsterischer Forschung legitimatorisch an wissenschaftliches Vorgehen rückzubinden – ist daher abzulehnen.

Methoden Künstlerischer Forschung sind oft nicht, wie im wissenschaftlichen Bereich, durch Verweis auf paradigmatisch etablierte, disziplinäre Standards im Vorfeld der Forschungsarbeit ausweisbar. Sie entstehen im Fortgang der Arbeit. Insofern ist der Richtung einer Ex-post-Kultur der Methodenreflexion zu lenken: Es gilt, die Praxis Künstlerischer Forschung vor einer Methodendiskussion zu bewahren, die auf eine vorauseilende Bindung an prêt-à-porter-Modelle standardisierter Verfahren zielt.

Künstlerische Forschung entsteht mit oder durch Kunst und bleibt an die Kunst gebunden. Das hat zur Folge, dass Ergebnisse künstlerischer Forschung sich auch in und durch Kunst artikulieren können müssen, also nicht zwingend in Form objektivierter Nahvollziehbarkeit in Anlehnung an konventionelle Standards vorzulegen sind.

Forschung in und durch die Künste braucht daher andere Rahmenbedingungen als wissenschaftliche Forschung – und es ist problematisch, wenn Förderformate für Künstlerische Forschung am Modell wissenschaftlicher Forschungsförderung orientiert werden. Ermöglichungskatalyse für Künstlerische Forschung ist deshalb auch außerhalb von Wissenschaftsförderinstitutionen zu schaffen und mithin ein kulturpolitischer Auftrag.

Werden Instrumente der wissenschaftlichen Qualitätssicherung (Peer-Review etc.) in den Bereich Künstlerischer Forschung transferiert, so ist sicherzustellen, dass die korrespondierenden Konzepte von Expertise angepasst werden: diese ergibt sich nämlich hier nicht aus einer bestimmten disziplinären Zugehörigkeit oder formalen Qualifikation sondern ausschließlich aus einer spezifischen Kompetenz mit Blick auf das jeweilige Forschungsvorhaben – in all der Bandbreite, die dies bei künstlerischen Zugangsweisen bedeuten kann.

Künstlerische Forschung ist stets künstlerische und theoretische Praxis zugleich: Theorie in der Praxis und Praxis der Theorie. Ein Denkstil, der künstlerische Forschung nur als Untersuchungsgegenstand betrachtet bzw. gemäß akademischer Standards verhandelt ist daher genauso wenig adäquat für die künstlerische Forschungspraxis wie eine Kunst, die sich nicht für Selbstreflexion und deren den jeweiligen Wissensformen (die keineswegs begriffsgebundener Art sein müssen) interessiert.

Der zunehmende Akademisierung Künstlerischer Forschung im Rahmen von PhD-Formaten und ist mit Vorsicht zu begegnen. Auch wenn die Etablierung einer professionell-engagierten Forschungsatmosphäre zu begrüßen ist darf darüber nicht vergessen werden, dass Künstlerische Forschung nicht des Hochschulrahmens bedarf um relevant zu sein – und dass zuweilen geradewegen ihrer Positionierung außerhalb dieses Rahmens eine besondere Relevanz entstehen kann. In- und außerhalb der Kunsthochschulen und Akademien gilt zudem gleichermaßen, dass die wirkliche Möglichkeit zur Kultivierung von Unkonventionalität eine conditio sine qua non Künstlerischer Forschung ist.

Künstlerische Forschung ist nicht ein anderes Wort für creative industry und sollte vor einer Aufladung mit Verwertbarkeits- und Innovationsrhetorik bewahrt werden. Daher ist die größtmögliche Unabhängigkeit Künstlerischer Forschung (und Forscher) zu erhalten und sicherzustellen, dass entsprechende Forschungsvorhaben in erster Linie Selbstbeauftragungen sind, die sich einem motivierten Forschungsgeist verdanken.

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