À la volonté oder à la DesCartes? Spuren zum Wittern in der Gegenwart

Das Tier IM Menschen ist heute wenn überhaupt bestenfalls Nebenthema. Eher schon Haustier als Menschtier oder der Hund zum Herrchen. Selbst die einst gängige Formulierung „Tierisch gut“ ist aus der Mode gekommen – wie generell auf das Animalische anspielende Aussprüche bzw. –brüche („tierisch geil“) heute eher verzagt denn emphatisch platziert zur Verwendung gelangen.

Mensch und Tier sind ja ziemlich nahe beieinander, im räumlichen wie auch im biologischen Sinne, so nahe, dass in der Anthropologie nicht wenige Leitdenker den Menschen nur in Abgrenzung zum Tier meinten bestimmen zu können – Mensch ist Mensch, wo er nicht Tier ist und Mensch bleibt Mensch, wo er nicht Tier wird. Dass diese Strategie ihre Grenzen hat, ist spätestens dann auch im theoretisierten Bewusstsein angekommen (im pragmatischen dürfte es wohl auch zuvor schon gefunkt haben), als animalische  Triebe und Co. zu ernstgenommenen Kandidaten für dasjenige Movens wurden, welches den Menschen zur Produktivkraft verhilft: DESIRE!

Bekanntlich war diese mit schauderndem Blick aufs Tierische identifizierte Ungezähmtheit dem ein oder anderen für Transzendenzmanagement zuständigen Verein ein Dorn im Auge – Leitmotto „Beten statt Bonobo“ – und die um die Klarheit des Verstandes sehr bemühten Rationalisten widmeten unter dem doch allzu tiernah eingestuften Rubrum „Passionen“, die das „Ich denke“ hin zu „Ich will“ sirenisierten, befürchtungsvolle Aufmerksamkeit zu. Ja, und die Unmenschlichkeit – wird sie nicht gerne dadurch substantiiert, dass man den Unmenschen als Tier klassifiziert, ohne dass dies hier bekanntlich eine Auszeichnung wäre? Raus mit dem Tier aus dem Mensch, raus mit allem, wofür das Tier steht – wir Menschen kompensieren unsere Mängel kraft des Verstandes und da soll uns kein unbändiges Verlangen die rationale Optik trüben!

Mit dem Verdachtsspezialisten Foucault lässt sich diese Kultivierung des Menschen zum expliziten Nicht-Tier, zu der unter anderem auch die Schöpfung des autonomen Vernunftsubjekts inklusive klar definierter Normwerte für Sein und Sollen gehören, als eine Geschichte der Disziplinierung des Tiers im Menschen erzählen. Wo Wildheit war,  sollte Sitte hin; Triebe, Instinkte, Speichelfluss und Brunfthemmungslosigkeit gehört sich in der IN-Group des neuen Humanums nicht: wer nicht ist, wie wir sind (wobei wir so sind, wie wir sind, weil wir so sein sollen) der ist OUT. Vermutlich gar gefährlich. Wird eingesperrt wie die Tiere oder dressiert wie der tapsige Tanzbär, notfalls gibt’s dafür ja auch passende Pillen. Wir hingegen, wir „normalen“ Menschen, sind gut gewaschen und zivilisiert, wir kennen den für uns verbindlichen Body-Mass-Index und den Conduct Code, wir wissen, dass Alkohol und Zigaretten dem Volkskörper Schaden zufügen wie überhaupt potentielle Katalysatoren von Grenzerfahrungen heute risikotechnisch nach der Formel „Verführungskraft mal Unkontrollierbarkeit“ unter kulturelles Kuratell gestellt werden sollten (Bahnhofsraucher werden ja schon einmal ins gelbe Feld gemobbt und die Prohibitionsphantasien greifen um sich wie die spanische Grippe). Ach ja, und für Schokolade spricht nach bestem Wissen und Gewissen vor allem, dass sie wissenschaftlich nachweisbar triste Frauen wieder auf Trab bringt – das rechtfertigt ihren Konsum eventuell noch trotz des unvorteilhaften Platzes auf der Rankingliste diätisch empfehlenswerter Substanzen. Vernünftig soll’s halt sein, normal, oder?

Vor längerer Zeit schon rief zwar Rousseau vernehmlich: „Zurück zur Natur! Befreit Euch aus den Zwängen – oder seht sie zumindest als Zwänge“. Aber aus der Zeitgenossenschaft schallte zurück: „Die Natur des Menschen ist seine Kultur – also befreit Euch durch Vernunft, Bildung und Sitte aus der Unmündigkeit macht die Welt menschlich.“ Und das wurde dann erst einmal zum mehr oder weniger generalisierten informed consent: der Mensch, ein Herdertier. Jadoch, ohne Herder, Bildung und Apoll wäre die Welt weniger fein, weniger reich an Schönheit, an infra- und suprastrukturellen Preziosen, an intellektuellen Galaxien und musischen Universen; denn all die guten Dinge, die es (noch) gibt, sind ja Kulturleistungen, also Produkt gezielter Verfeinerung nach im weitesten Sinn ästhetischen Kriterien. Und dazu zählen, na klar, auch einige sehr geeigneten Kandidaten für die Katalyse rauschhafter Hingabe: Wein, Gesang und jenes Dritte, das knackig geschlechtsneutral zu formulieren ich bislang noch nicht vermag. Auch natürlich all die Dinge, die der Häuptling am eigenen Herd so zu schöpfen vermag. Aber: alle sind das Produkt von Verlangen, von Lust, vom Probieren, Entgrenzen von bislang begrenzt Gedachtem. Das Tier im Menschen ist es, das wittert, was der Mensch wollen könnte. Der Mensch ohne sein Tier ist wie Analogkäse. Hätte die Menschheit ihre Zukünfte streng à la Descartes geordert, wären wir heute vermutlich in einem Ambiente vom Charme einer keimfreien Weltraumstation; inklusive Astronautenkost und in-vitro-Fertilisation. Und wenn jetzt jemand mit der Moral kommt, nach dem Motto „aber wir müssen doch alle vernünftig und mäßig sein“ dann möchte ich sagen: ein selbstironischer Hedonist, der seine Sinne pflegt, bekommt allemal mehr mit von der Welt und auch ihren Ungeheuerlichkeiten als der, der sich monopolisiert mit der normativen Strahlkraft irgendwelcher abstrakten Prinzipien, in denen die moralische Grammatik synthetisiert sein soll. Denn er will sich als einer unter anderen WOHLFÜHLEN. Immer dann, wenn Vernunftdiktate den Masterplan der Menschheit geschrieben haben, waren die Folgen bestenfalls Fadesse.

Die Ansage „Was wäre der Mensch ohne sein Tier“ wird wohl heute am ehesten als Aufforderung zum Besuch im Zoofachhandel begriffen; ansonsten: eine kleine Duftdosis Moschus, ansonsten transpiriert man doch gern diskret; ganz zu schweigen davon, dass die Zeiten, wo gerülpset und gefurzet wurde, definitiv vorgestrig oder aber Klassenstufe „Unterschicht“ sind und allenfalls Amusement über die unbedarfte Unkniggezität hervorrufen. Gefurzt wird heute ebenfalls diskret, egal wie’s schmeckt.

Das muss nicht so sein. Als die Moderne schon modern war und immer deutlicher wurde, dass was ist nicht sein muss, setzte jene emsige UmUndUmGestaltungsaktivität ein, deren globusumspannend vernetzte Resultate wir heute „Globalisierung“ heißen: eine gigantische Kontaktbörse für unterschiedliche Verwirklichungen der Möglichkeiten, Mensch zu sein. Und damit blendete sich ins Sichtfeld diverser Topographen der humanen Daseinsbeschaffenheit die Vermutung ein, dass die einseitige Apollisierung des homo sapiens des Pudels Kern vielleicht doch nicht treffe: Nicht nur, weil Dionysos eben schon auch ein verlockender Typ ist, sondern auch deshalb, weil es einfach immer mehrere Möglichkeiten gibt, als die, die man eben im Sinn oder ergriffen hat. Libertäre Klein- und Großprojekte, Experimentelles Existieren, positivierte Trieblebenskunst, Sex in the city & the village. Die Formel „probieren geht über studieren“ bekam seit dem späten 19. Jahrhundert eine äußerst vielseitige lebenspraktische Realform. „Sich gehen lassen“ statt „es über sich ergehen lassen“ wurde auch jenseits einer strategisch-kompensatorischen Form (Helau! Alaf! Lei Lei!) zu einer veritablen Lebensorientierung. Bis hin in jene nun auch schon ergraute Hochzeit der explorativen Existenzgestaltung, deren phantasmatischer Horizont sich in a nutshell als Filmzitat fassen lässt: junge Menschen mit ungewaschenen Haaren paaren sich selbstzwecklich in den Wüstendünen am Zabriski-Point. Welch ein Motiv, Rousseau hätte seinen Spaß gehabt. Es loslassen, wild werden um immer neu als Ich aus dem Vielen zu werden, das  einen konstituiert – das war die Devise. Warum eigentlich war? Konvention ist ja schon auch Kerker. Und das Rhizom much more sexy als die Schaltplanmetaphorik der spießigen Wirtschaftswundermoderne mit ihrer rigiden Biographieorientierung und Wünschbarkeitsverwaltungszensur. Von deren konzeptuellen Erben der gegenwärtigen Ambientekultur mit Dauerwarmduschkarte im Wellnessbereich ganz zu schweigen.

Natürlich hat auch das Libertäre seine naive und dekadente Seite – und es ist wohl kein Zufall, dass der ein oder andere gewitzte Frontakteur der anything goes-Fraktion später dann in neoliberale Kapitalvermehrung gemacht hat. Aber doch gab es im befreiten Ambiente eines möglichkeitsoffenen Heute einige erfrischende Ungehemmtheit, ein sich triebtrauend treiben lassen; JETZT spüren, schmecken, lieben, denken. Bedürfnisorientiert und am Wohlgefühl orientiert. Nochmal: Das Tier im Menschen ist es, das wittert, was der Mensch wollen könnte, es ist die Verbindung zur Lebendigkeit, zum Realen, die dem vereinseitigten Kulturwesen fehlt. Dazu aber muss das Tier im Mensch immer wieder freigelassen werden, in einem Jeden und auch im Jedermannsraum, wenn eine Kultur sich nicht durch die Beschränkung seines selbstverschuldeten (Un-)Menschenbildes verstopfen lassen will.

Derzeit dominiert wohl das Prinzip nicht artgerechter Käfighaltung des Tiers im Menschen.  Nach dem kurzem Ausflug in die freie Wildbahn, die es (wenn wir uns hier einmal auf die Moderne beschränken) in den 20er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gab, ist es wieder zum Schosshund degeneriert oder aber zu einem Simulakrum des Begehrens in der Dynamik des totalisierten Konsumismus transformiert worden – als Kaufkraftkatalysator. Hochglanzburschen und Puderpuppen sind zum normativen Ausdruck imaginierter Befindlichkeitsphantasie gekürt – und auch für die biologisch kontrollierte Lebensführung gibt es reichlich klar konturierte role-models und benchmarks. Verdrängung klappt wieder ganz gut, ES war gestern, heute ist Ich-AG. „Zurück zur Natur“ ist Stilmittel einer scheinbar sanftgestimmten Fitness-Gegenwart, die triebhafte Lust zum säkularen Teufel stilisiert, gegen den eine Heilsarmee die Governance des Wünschens in wohlorchestrierten und -dosierten Befriedigungsdispositiven in Stellung bringt. health & order statt love & passion. Wir meiern wieder bieder, schließt die Reihen, graue Mäuse!

Aber, und das kann ja eigentlich Hoffnungsschimmer sähen, es gibt so etwas wie einen Trieberhaltungssatz – was an WOLLEN verdrängt wird, grüßt bald hier, bald da aus sonderlichen Phänomen. Wenn zum Beispiel Menschen wie Zierfische durch die aquaristischen Innenwelten der von unbeholfener Künstlichkeit durchfluteten Einkaufszentren treiben; wenn andere, hamstergleich auf Fließbändern aufgereiht mit wachsigen Mienen auf der Stelle laufen – ja dann birgt dies soviel tragische Komik in sich, dass die Welt doch wieder etwas gewonnen hat. Man muss nur hinschauen, dieses Maskentheater als das nehmen, was es ist: Ausdruck eines Suchens nach dem spürbaren Leben, in dem’s noch Intensitäten gibt, in dem die Aufmerksamkeit gegenüber der Gegenwart zählt, weil die Einlassung in den Moment Bedingungsmöglichkeit für Augenblicke des Glücks ist. Und zu dieser Suche, dazu, die Witterung nach dem Leben aufzunehmen, braucht der Mensch das Tier in sich, das aufspürt, unabgelenkt durch Abstraktionsprogrammatiken und vorgeblicher Vernunftregierung. Wenn aber diesem Aufspüren die Witterung abhanden kommt, wird das Gespür dafür verstellt, was in der Jeweiligkeit einer Existenz die Triebkraft ist, wessen sie konstitutiv bedarf: Lust, Begehren, Verlangen, dass zur menschlichen Qualität eines denkenden Umgangs mit Unfestgestelltheit und Möglichkeitssinn hinzutreten muss – mit dem Effekt, dass ein Vermögen dazu gebildet wird, sich im auf Dauer gestellte Einlassen auf das Erspüren von Sinn zu besinnen. Wenn das Tier im Menschen nicht mehr streunen darf, weil der Mensch meint, alles wesentliche erfasst, geplant und unter Kontrolle zu haben und gerade auch das Tier in sich kalendarisch oder kalorisch administriert – dann verliert er den Kontakt zur Welt in ihrer umfassenden und unfassbar reichen Wirklichkeit, den Kontakt zu dem, was ihn Mensch sein lässt, zur Vielfalt dessen, was dieses Menschsein befeuert, eben weil das Leben schmeckt, riecht, tönt, schmerzt, kotzt, stinkt, röhrt – weil in ihm gewollt, in ihm GELEBT werden muss.

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