Von Heterotopisten und anderen Priestern des genius loci

« Auf diesen Routen trieb ich mich umher und mußte in jedem Passanten den Eindruck eines ziellosen Schlenderers erwecken. Und doch war ich, streng genommen, nicht ziellos. Ich glaubte ein Ziel zu haben, aber ich hatte das Ziel zu meinem Unglück vergessen. »[1]

Aufmerksamkeit

Dies ist ein Text über Aufmerksamkeit – eine spezifische Aufmerksamkeit freilich, jene, die ich Aufmerksamkeit gegenüber der Gegenwart nennen möchte. Und für die ich einen Modus vorschlagen möchte, der weltgemäß ist, der in der Welt ist und im Umgang mit ihr, im Durchgang durch sie wird. Ein Blick des Teilnehmenden-in-der-Welt-Seins, das immer zugleich ein Welt-machen ist. Denn die Welt, so die Annahme, ist der Raum der Menschheit, der Raum, durch den und in dem Menschsein möglich wird. Diese Welt ist, um sich des Foucaultschen Begriffs zu bedienen, ein heterotoper Raum – d.h. ein Raum, der immer Potentiale seiner Andersmöglichkeit einfaltet und uns gleichermaßen mit der Aufgabe und der Möglichkeit konfrontiert, diese jeweiligen Andersmöglichkeiten aufzuspüren und fasslich zu machen – tun wir dies nicht, werden wir das Andersmögliche der Welt dennoch zu spüren bekommen, denn es ist immer anders möglich.

Die Welt ist kein Objekt, das, stillgestellt und objektiviert, erfasst werden könnte. Die Welt ist ein Möglichkeitsraum, bewohnt und strukturiert durch realisierte Möglichkeiten, welche, wenn man genau hinhorcht, genau hinschaut, auf das verweisen, was an ihrer Stelle hätte sein können. Nirgends ist dies Lauschen, dieses Schauen besser möglich – zugleich aber anspruchsvoller – als in der modernen Stadt : denn hier findet sich eine Verdichtung des SO-Gemachten, des Artifiziellen, das auch hätte ANDERS gemacht werden können – eine Verdichtung, die bis hin zur Totalisierung des Artifiziellen, einer völligen Artefaktizität reichen kann. Die moderne Stadt, und dass haben die Autoren der klassischen Moderne in Vielfalt gezeigt, ist die Verwirklichung einer umfassenden Kulturalisierung der Lebenswelt und sie nötigt ihrem Bewohner somit auf, in jedem Element (vor allem aber in der Totalität der Elemente) eine Konstellation zu erfahren, die der eigenen, der menschlichen Kreativität entstammen – und als Gemachte auch hätten anders gemacht werden können. Keine Natur (im Sinne der natura naturans) entlastet ihn von seiner Urheberverantwortung, die Mitautorenrolle in der cultura culturans ist zur unhintergehbaren Pflicht geworden. Und diese Pflicht bedeutet eine Bürde, denn wenn sie total ist, gibt es keinen Fluchtraum der Geborgenheit mehr, kein Refugium, das den hoffenden Menschen mit etwas trösten könnte, für das er nicht selbst immer schon verantwortlich wäre : er ist im Weltinnenraum, derzugleich nach außen (in die Transzendenz hinein) hermetisch, aber nach innen unendlich variabel ist.

Mythisierungsrückabwicklung

Aber so modern, dass er das wollen würde, scheint der moderne Mensch nicht wirklich zu sein. Und so greift er zu Strategien der Renaturalisierung des Kulturellen, er schafft sich, mit Barthes gesprochen, moderne Mythen. « Wir sind hier beim eigentlichen Prinzip des Mythos: er verwandelt Geschichte in Natur“ »[2] In der mannigfaltigen Naturalisierung der Kultur (anders gesprochen : der Globalisierung der Welt, die nichts anderes als deren Objektivierung ist) manifestiert sich ein beängstigender WILLE, sich von der umfassenden Urheberschaft für die Welt loszusagen – es werden überall Mythen aufgepropft, Mythen gezüchtet, um nicht als Autor und Verantworungsträger für die Welt und ihre jeweilige Gestalt herhalten zu müssen. In Freud wie in Leid übrigens : göttlich oder teuflisch. Um jeden Preis muss der Zauber erhalten bleiben, der einer Welt innewohnt, die nicht gänzlich verantwortet werden muss. Warum aber nicht wahrhaben wollen, dass Gott gleich Zufall ist ? Bedürfte es nicht eines kreativen Determinismus, der in der Logik der Geschichte und des Geschehens einen Produktionsraum für kontingente und mehr oder weniger interessante Geschichten sieht? Geschichten, im Plural, und mit dem Ziel, eine Möglichkeit plausibel zu machen, nicht aber eine Wirklichkeit zu erklären.

Eine Möglichkeit plausibel machen ist dasjenige, was der Flaneur tut: Er dechiffriert verdichte Lebenswelten und fördert den (Anders-)Möglichkeitscharakter des Realisierten, der realisierten Gegenwart ans Licht.

Der Flaneur erspürt in jeder ihm begegnenden Realisierung die Entscheidung für und gegen eine mögliche Form der Realisierung, die der Realisierende im Akt der Realisierung (die immer eine mögliche Realisierung ist) getroffen hat. Die Vorstellungsbilder desjenigen, der zur passage à l’acte überging, bleiben im Produkt als Spur eingeschrieben – und der Flaneur folgt diesen Spuren, wenn er dorthin geht, ‚wo die Bilder hausen“ (Benjamin). Flanerie  ist mithin ein Modus der Kontingenzsensitivität : die Welt als globale Realität mit einem totalisierenden Anspruch auf Geltung wird mittels fragmentarischer Dekompositionen in ihrer Andersmöglichkeit bezeugt : sie wird re-fragmentiert und in ihrer Offenheit als dynamisch konstellativer Bezugsrahmen der Menschheit (Welt) geöffnet.

Der Flaneur ist eine ambivalente Figur : In der Umgangssprache ist dem Flaneur ein Hauch von Luxus und Snobismus eingeschrieben – Eigenschaften also, die ihn eher suspekt als sympathisch, eher als elitäre Figur denn als normalen Zeitgenossen erscheinen lassen. Wer flaniert, so würde man wohl ohne groben Widerspruch zu ernten behaupten können, hat nichts zu tun bzw. muss nichts tun. In einem anderen Diskussionszusammenhang hingegen ist er nachgerade ein Star, der emblematisch für eine spezifische Form moderner Weltwahrnehmung steht : Der Flaneur als Figur im Diskurs zur Theorie der Moderne ist ein Meister der Sensibilität, der « Priester des genius loci », der die Bilder sucht, « wo immer sie hausen. »[3] Was aber zeichnet diese spezifische Sensibilität aus, wie funktioniert und was sucht sie, welche kulturellen Voraussetzungen bedurfte ihre Ausbildung und wie hat sie sich im Verlauf der Etablierung der Moderne entwickelt ?

Dasein auf abschüssigen Straßen

Der Flaneur ist in einem spezifischen Modus in Bewegung : er lässt sich treiben (« il fait la planche »), ohne dabei abzutreiben (« dériver ») – und in der Formulierung « sich treiben lassen » steckt auch bereits das Spezifikum der Flanerie und ihrer eigenwilligen Beziehung zur Bewegungsaktivität : im Modus der Flanerie lässt man zu, dass man sich bewegt, dass es einen treibt, man lässt sich ein auf eine äußere Dynamik und Attraktion, einen Fluss. Aber man treibt nicht ab, ja man kann nicht abtreiben, weil ein Abtreiben die Vorhandenheit und die Ausrichtung auf ein spezifisches Ziel voraussetzen würde, auf das bezogen man abtreiben könnte wie der Segler, der es nicht vermag, gegen den Wind aufzukreuzen. Genau dieses Ziel aber ist dem Flaneur fremd, er vermag es, sich zu entfremden und gelangt durch dieses Vermögen in eine perzeptive Gestimmtheit, die ihm die Flanerie erst erlaubt.

Der  Flaneur ist stets, wie Benjamin bemerkte, « auf abschüssigen Straßen » unterwegs, aber er stolpert weder schwerkraftbedingt vor sich hin, noch schreitet er vorgängig konzipierte Routen ab. Er überlässt sich dem Sog eine konstellativen Dynamik, bleibt ihr gegenüber aber auf spezifische Weise distanziert: denn sein Blick auf die Gegenwart ist ein Blick der Uneingebundenheit, der dadurch möglich wird, dass er sich an die Gegenwart anlehnt, an ihr horcht. Er bleibt also an ihr, ohne jedoch wirklich in ihr aufzugehen und sich in die verführerische Evidenz ihrer Funktionslogiken verstricken zu lassen.

« Eine arbeitergefüllte und arbeitsreiche Metallgießerei verursachte hier links vom Landschaftsweg auffälliges Getöse. Bei dieser Gelegeneheit schäme ich mich aufrichtig, dass ich nur spaziere, wo so viele andere schuften und arbeiten. Ich schufte und schaffe vielleicht dann zu einer Stunde, wo alle diese Arbeiter Feierabend haben und ausruhen. Ein Monteur auf dem Fahrrad, Kamerad vom Landwehrbatallion 134/III, ruft mir beiläufig zu : « Du spazierst wieder einmal, scheint mir, am heiterhellen Werktag. » Ich grüsse ihn lachend und gebe mit Freuden zu, dass er recht hat, wenn er der Ansicht ist, dass ich spaziere. ‘Sie sehen es mir an, dass ich spaziere’, dachte ich im stillen und spazierte friedlich weiter, ohne mich im geringsten über das Ertapptwordensein zu ärgern, was ganz dumm gewesen wäre. »[4]

Wenn dem Flaneur eine gewisse Arroganz und Abgehobenheit vorgehalten wird, dann deshalb, weil er sich der Anerkennung der Gegenwart als DER Realität verweigert und diese Verweigerung durch eine dennoch an die Gegenwart anschlussfähige Ausdrucksform zu bezeugen vermag. In einer Sprache und Sprechweise nämlich, die sich der normalisierten Deutungslogik je gegenwärtiger Konstellationen zu entsagen vermag, indem sie irritierende Deutungstransformationen vornimmt und das Ungewohnte der Gegenwart als bewohnbar markiert. Die Totalität eines Moments, die die Welt als Normalität strukturiert und ihren Raum als DEN Raum zu sein glauben macht, wird gegen den Strich jener Erfassungsdispositive gelesen, welche diese eigentümliche Evidenz der Normalität generieren. Begriffe werden de- und rekodiert, Effizienzen an andere Kriterien als jene der kollektiv etablierten Opportunität, Ursachen und Wirkungen werden dekontexualisiert und rekorreliert.

Indem sich der Flaneur der Bewegung, dem Strom der Gegenwart überlässt ohne aber Teil von ihr zu werden, sich von und durch sie tragen lässt (ihr aber eben äußerlich bleibt), erlebt er ihre Dynamik, ohne direkt in sie eingebunden und von ihr in seiner Wahrnehmung orientiert zu werden. Indem er dasjenige, was er erlebt, in eine Sprache bringt, die gegenüber der gewohnten Gegenwartssprache (einer, wenn man so will normalisierten Funktionssprache einer geordneten Jeweiligkeit) verzerrt ist (und dysfunktional von der Warte der Funktionalitätsunterstellungen einer jeweiligen Gegenwart), schreibt er in diese Gegenwart eine Dissonanz ein, einen alternativen Rhythmus, und zwar einen, der die Andersmöglichkeit jeder Gegenwartsdeutung, aber auch die ihrer Gestalt und Gestaltungsräume ausdrücklich werden lässt. Gelungen kann man dies wohl dann nennen, wenn diese Ausdrücklichkeit als Irritation auf die Gegenwart zurückwirkt.

Der Flaneur bewegt sich in produzierten – kulturellen – Umgebungen und es bedurfte der Stadt in ihrer modernen Form, um solche Produktionen hinreichend zu verdichten, um Flanerie als spezifische Form der Perzeption zu generieren. In jeder Produktion liegt der Verweis auf jene Entscheidungen verborgen, die sie als realisierte Konstellation verwirklichter Möglichkeiten erst haben entstehen lassen – als Konsequenz der Absehung von anderen Möglichkeiten. Doch diese anderen Möglichkeiten ‘wohnen’ in dem schließlich Realisierten, vor allem aber in den Konstellationen, in denen dieses Realisierte funktional konfiguriert und durch eine ‘Normalität’ legitimiert scheint – legitimiert bis hin zur Entfremdung von der konstruktiven Dimension dieser Normalität und derjenigen seiner Erschaffung : denn die Normalität degeneriert allzu oft zu einer Entfremdung von der kreativen Logik des Mundus, bis hin zu einer Naturalisierung des Möglichen zum Sachzwang.

Der Flaneur sucht diese Bilder der Andersmöglichkeit in der Normalität zu finden und von dorther Normalität als normalisiert kenntlich zu machen. Durch seine spezifische Bewegtheit begibt er sich gleichermaßen in eine rhythmischen Phasenverschiebung zu dieser Normalität und ihrer Konstitution durch Wahrnehmungs-, Deutungs- und Gebrauchsgewohnheiten : Weil er einen eigenen Rhythmus hat und auf eine Gegenwart übertragen bzw. applizieren kann, kann er sich mit dem ‚gängigen’ Rhythmus der Gegenwart ins vernehmen setzen. Es ist diese rhythmische  Differenz, die es schließlich ermöglicht, den Rhythmus der Gegenwart zu dechiffrieren. Es ist, anders gesagt, ein Vermögen der rhythmischen Differenzierung und des gekonnten Säens von Interferenzen.

Die Aufmerksamkeit des Flaneurs ist freigestellt vom Aufwand eigener Bewegung und deren Orientierungsbedarf. Er kann sich ganz und gar auf die Strömungsverhältnisse seiner Gegenwart einlassen und jene Brechungen und Laufruhen erleben, die das Flussbett konstituieren, welches dem Gegenwartsstrom seine Form und Dynamik gibt. Und : indem er diese zugleich in ihrer Intimität erlebt, auf sie durch sein ‚Horchen’ gewissermaßen in flagranti zugreift, aber eben auch als von ihm distanziert, kann er von ihnen sprechen, sie verzeichnen, sie kartographieren, ihre Stromschnellen markieren, sich jenen Reflexen widmen, die das Fließen sein Blick in ihnen ausfindig macht zugleich markieren, was sich in ihnen an Wirklichkeiten zeigt. Der Flaneur surft auf den Wellen der Gegenwart – und in ihren Strömungswirbeln – und je besser er dies vermag, desto eindrücklicher werden die Figuren, die er auf die Oberfläche der Gegenwart einträgt und diese damit zu einer ins Andere hin offenen werden lässt.

Der Flaneur übersetzt Normalität in Figuren und spielt mit ihnen. So gesehen kann er ein Ironiker sein.


[1] Siegfried Kracauer : Erinnerung an eine Pariser Straße, in : Straßen in Berlin und anderswo, Berlin : Arsenal 1987, S. 7f.

[2] Roland Barthes : Mythen des Alltags, Frankfurt/M. : Suhrkamp1964, S. 112f..

[3] Walter Benjamin : Die Wiederkehr des Flaneurs, in : Ges. Schriften Bd. III, Frankfurt/M. Suhrkamp, S. 196.

[4] Robert Walser, Der Spaziergang, S. 18, Frankfurt/M. Suhrkamp, 1985 [Orig. 1917].

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