Kritik. Aber bitte dekonstruktiv!

Ping: Konstruktive Kritik

Kritik ? Kein Problem. Kritik zu üben und sich kritisieren zu lassen gehört zum Selbstverständlichsten der Welt. Total normal. Gilt jemand als « kritikresistent », so ist das keine Auszeichnung. « Wir freuen uns über Ihre Kritik » ist die unschuldige Formel, mit der Fluggesellschaften oder Hotelketten versuchen, ihre zahlenden Kunden zur unentgeltlichen Mitarbeit anzuregen. Natürlich geht es nicht um irgendeine Kritik : Es muss konstruktive Kritik sein. Die Fluggesellschaft interessiert sich nicht für eine Kritik, die die Sinnhaftigkeit des Flugverkehrs in Frage stellt ; die Hotelkette will nicht wissen, ob sie an der Zerstörung der Diversität von Gastkulturen teilhat. Wer Kritik übt, dem steht gut an, damit « der Sache » zu dienen und nicht « die Sache » in Frage zu stellen. Denn Kritik, die nicht konstruktiv ist, so sagt es der geltende Imperativ unserer produktivistischen Normalität, bringt ja nicht weiter. Und was nicht weiter bringt, was keinen Fortschritt realisiert, ist schlicht aus der Mode. Endlich sollte überwunden werden, Kritik im Modus der potentiellen Exit-Option zu stellen, also das zu tun, was früher mal als « externe Kritik » bezeichnet wurde. Die Fiktion der externen Perspektive nascht ja nur von jenem latent lächerlichen Modus des Utopischen, den eine ihrer Sachzwänglichkeit bewusste Welt doch nur noch zur Feierabend-Erbauung braucht. Denn tatsächtlich herrscht der Sachzwang. In voller Wirklichkeit.

Pong: Destruktive Kritik

Alles Scheiße. Es fehlt eine Lust an der öffentlichen Destruktion, die in Folge in private Destruktionen flüchtet, anstatt in einer endlosen Folge eruptiver Rückabwicklungen « kultureller Errungenschaften » immer neu spürbar werden zu lassen, dass Wege nur beim gehen, beim MACHEN der Spur entstehen. Das Motiv : die Möglichkeit ist schlecht verwirklicht. Das geht anders. « Macht kaputt, was Euch kaputt macht ». Kritik wirkt erst dann, wenn sie sich in der ontischen Nichtung des Kritisierten finalisiert und so seine im Ausgang von jenem gegründete Zurück-Verwiesenheit auf es nachhaltig verunmöglicht. Sonst bleibt die Kritik vom Kritisierten bestimmt wie der Punk, der sich im Negativ des Bürgerlichen einrichtet und damit durch es definiert bleibt.

Der Ball rollt ins hintere Eck des Sportkellers, um dort unter einem staubigen Bücherschrank zu verschwinden.

Ein anderes Spiel

Kritik ist heute in zwei dialektischen Formen verfangen : Sie ist entweder eine Dialektik konstruktiver Überbietung oder aber eine Dialektik von Konstruktivität und Destruktivität. Entsprechend schwer ist es, sich weder in konstruktiver noch in destruktiver Geste zu äußern – und dennoch einen kritischen Anspruch zu verfolgen. Ein Paradebeispiel dafür ist die so genannte « Globalisierungskritik » . Schon deren Losung wirft grundlegende Fragen auf : « Eine andere Welt ist möglich ». Was ist gemeint ? EINE andere Welt ist möglich – oder : eine ANDERE Welt ist möglich ? Wenn EINE andere Welt möglich ist, will man nicht diese eine bestimmte, sondern jene andere bestimmte Welt. Wenn eine ANDERE Welt möglich ist, will man es Anders als gerade verwirklicht – es geht also um die Erhaltung von alternativen Optionen, um ein Nein zu TINA als Modus des (politischen) Denkens – nicht aber eben jene bestimmte Welt, zu der man ja oder nein sagen kann. Es geht nicht um konkrete Alternativen, sondern um DAS ALTERNATIVE selbst.

Was will sie nun, die « globalisierungskritische » Bewegung ? Will sie EINE andere Welt möglich machen, kann sie konstruktiv oder destruktiv kritisieren – oder eine dialektische Folge beider Versionen wählen. Das und das soll so und so, besser gemacht werden – oder aber : Haut ab, Ihr Arschlöcher – ihr habt es versaut, die eine Möglichkeit ist falsch verwirklicht, also weg mit der Verwirklichung, wir machen die Möglichkeit anders wirklich. Oder : Wir wollen das Gegenteil des Möglichen, wir nennen uns Realisten und wollen das Unmögliche. Das Negativ zum Positiv. Wer es konsequent konstruktiv will, zieht nach Freiburg, um in grünem Pragmatismus an der Selbstoptimierung des besser Gewussten zu arbeiten, wer es konsequent destruktiv will…nun ja, auch da gibt es Modelle.

Wenn die Bewegung aber eine ANDERE Welt wollen würde, eine im Modus der vorgängigen Alternativen im steten Plural, was dann ? Weder wäre das konstruktiv, weil es nicht ein « an der Sache » orientiertes Optimierungskalkül ist, sondern ein Alternativen-Plural, der aufgrund der immer neuen Möglichkeiten, auf Begriffe zu gelangen, über besser oder schlechter wenig grundlegendes zu sagen geneigt ist. Noch wäre es destruktiv, weil es – und zwar nicht in produktivistischer Absicht, sondern aus einer spezifischen Gelassenheit heraus – permanent Neues, Anderes produziert und in den phantasmatischen Ring konkreter Bewährungsspiele wirft.

Denn jedes neue EINE wird als Möglichkeit qualifiziert und auf diese Weise hinsichtlich der Ausbringung von festen Geltungswurzeln unterlaufen. Wenn das je Gegebene fortlaufend als eine Möglichkeit neben anderen Möglichkeiten in seinem Geltungsanspruch veruneindeutigt wird, braucht es kein starkes Ja oder Nein zum EINEN (wie in konstruktiver oder destruktiver Kritik). Im Zuge der Öffnung für das anders Mögliche hin erwirbt das Denken seine Inetgrität zurück, die darin besteht, die Welt als konzeptuell ungesicherten Suchraum anzunehmen. Eine Kritik, die in diesem Horizont operiert, könnte man daher in Anlehnung an Derridas bekannte Figur dekonstruktive Kritik nennen. Weder macht sie mit dem Kritisierten im Namen einer dialektischen Optimierungslogik gemeinsame Sache, noch lehnt sie es affirmativ ab und bliebe ihm so verschrieben.

Dekonstruktive Kritik ist kein ‚besser-WISSEN ob JA oder NEIN’, kein Beurteilen unter Inanspruchnahme der Kritik entzogener, der Kritik gegebener Maßstäbe, sondern Ausdruck einer bewußten « Kontingenzkultur des Denkens». Kontingenzkultur als Modus, etablierte Wirklichkeiten als verwirklichte Möglichkeiten (und eben nicht Notwendigkeiten) zu deuten und somit den Raum des ANDERS MÖGLICHEN als Welt zu spüren, zu denken, zu deuten und mit Worten und Taten zu reklamieren, ihm ge-recht zu werden.

Die gängige Globalisierungskritik ist entweder « konstruktiv-konstruktiv » oder « konstruktiv-destruktiv-konstruktiv – nicht aber dekonstruktiv. Sie will EINE andere, eine nach den kontingenten Vorstellungen der Akteure definitv bessere Welt, sie will aber nicht WELTEN als Suchraum für die immer andere Möglichkeit des Menschseins. Zugegegben : Es war diese Bewegung, die öffentlichkeitswirksam Bewegung ins Denken genracht hat – mit bunten Ideen, Formen und Farben. Sie repräsentiert eine neue Kultur interkonnexiver Mondialität mit gegenhegemonialen Ambitionen und zuweilen Erfolgen. Aber sie verbleibt zu oft – zumal dann, wenn sie sich mit konservativen Akteuren und Institutionen wie Gewerkschaften verheiratet – im konstruktiven, zuweilen auch destruktiven Ladezustand – sie zielt zu selten darauf, das Denken des Anders-Möglichen möglich zu halten, indem Definitivitätsansprüche als solche mit einem lächelnden und souveränen Nihilismus ad absurdum geführt und in kontingenter Selbstbestimmung alternative Praxen als engagierte Provisorien ins Werk gesetzt werden. Im Ausloten, immer neuen Ausschreiten der Möglichkeiten, Menschen zu sein, liegt die kritische Energie einer solchen Globalisierungskritik, deren Vektor doch weniger in Richtung fatalisierter Gegenmacht als in Form einer rudelbildenden Passage zum Kopfschütteln darüber liegen könnte, wie phantasielos diejenigen denken und handeln, die meinen, im neoliberalen Kapitalismus die Grammatik der Welt dechiffriert zu haben. Es gibt n + 1 Wege genau jene lächerlich zu machen, die meinen, dass es nichts mehr zu lachen gäbe. Und dann endlich auch mit denjenigen zu lachen, die heute nichts zu lachen haben.

Die globalisierungskritische Bewegung unterschreitet bislang ihr dekonstruktives Potential.  Sie steuert konstruktive (z.B. der Forderung nach der Tobin-Steuer) oder destruktive Kritik (wie Gewaltausbrüche gegenüber selbständigen Einzelhändlern in den Veranstaltungsorten von Sozialforen) bei – ist aber nicht die Schubkraft, um eine ANDERE Welt, die Welt als immer anders Mögliches (und eben nicht die zum Globus objektivierte, zum Objekt degradierte Welt), in den eigenen Sucher oder den einer politischen Öffentlichkeit zu bringen. Und so werden selbst die spannenden Anfragen an jene diversen Mondialisierungen, die heute Menschen und Praxen in globusumspannende Wechselwirkungen bringen, unter dem allgegenwärtig affirmierten Popanz «der Globalisierung» verdeckt, und die ‚Kritik’ räsoniert mehr über den zur Allmächtigkeit hochstilisierten neoliberalen Feind, als sie Altermondialität zu einem zeitgemäßen Weltverhältnis zu machen mitwirkt – und das hieße vor allem, an sich selbst die Frage zu stellen, wie man es mit der Kontingenzkultur hält, die eine ernstgemeinte Altermondialität als Modus des Lebens in Möglichkeiten tragen muss. Und das stellt die Selbstorientierung vor manifeste Herausforderungen des Selbstverständnis des Kritikers, die bislang erst im Keim ersonnen sind. In ihrem verbreitet konstruktiv-destruktiven Kritikmodus jedenfalls bleibt die Globalisierungskritik strukturell reaktiv und reaktionär anstatt lustvoll verstörend zu agieren. Eine dekonstruktive Globalisierungskritik wäre hingegen zunächst eine Kritik am Anspruch, DIE WELT im Rahmen einer „großen Erzählung“ oder „großen Gegenerzählung“ ausdeuten und sie verbissen auf diese oder jene definitive Weise gestalten zu wollen. Es wäre immer auch eine Kritik am Strategem der Vereindeutigung des vielfältig Möglichen – im Namen des guten Lebens in einer altermondialen Lebenswelt. Dass dabei die lustvolle Verstörung auch der Anderen nicht zu kurz kommen sollte – das versteht sich fast von selbst.

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